Warum es nicht (immer) funktioniert, auf seine eigenen Erfahrungen zu vertrauen

Hallo ihr Lieben,

„Ich habe das schonmal geschafft, also schaffe ich das wieder.“

„Bisher waren die Männer in meinem Leben zu mir Arschlöcher, also sind alle Männer Arschlöcher.“

Was haben die zwei Sätze miteinander gemeinsam? Sie sind Glaubenssätze. Ich wollte eigentlich darüber schreiben, wie die Angst auf das Wort Erfahrungen pfeift. Denn das ist das blöde am Leben:

Das Leben bietet keine Garantien, keine Sicherheiten und das ist verdammt beängstigend.

Was bedeutete das konkret? Heute bin ich Auto gefahren, musste meine Schwester zum Bahnhof fahren für ihr Praktikum. Seit ein paar Monaten bin ich die Strecke allerdings nicht mehr gefahren, schließlich gab es während der Pandemie großartig keinen Grund außerhalb der üblichen Lebensmittelläden irgendwo hinzufahren. Was war? Ich war unglaublich nervös, konnte die Nacht davor kaum schlafen und musste mich immer wieder selbst beruhigen, dass ich das schaffe, Herzrasen, innere Unruhe, schweißnasse Hände. Aber wisst ihr was? Ich fahre genau diese Strecke seit 7 Jahren regelmäßig. Teilweise einen Monat lang jeden Tag, ansonsten in der Regel alle zwei Wochen oder 1x die Woche. Das macht gefühlt tausendmal, in denen ich die Strecke schon erfolgreich gefahren bin, ohne, dass es etwas passiert ist etc. Zugegeben, besteht die Strecke auch aus viel gerade ausfahren, es ist also noch nicht einmal viel Autobahn, riesige Kreuzungen oder irre viele Abzweigungen mit drin. Aber jedes Mal ist da diese Stimme in meinem Kopf. Die Angst.

Wenn ich mir sage: „Du schaffst das, schließlich hast du das schon so oft davor auch geschafft!“, dann flüstert die Angst: Und was ist, wenn nicht? Was ist, wenn dieses eine Mal alles anders ist?

ABER gleichzeitig kann man es auch so sehen:

Wenn ich mir sage: „Du schaffst das nicht, schließlich hast du das schon so oft davor auch nicht geschafft!“, dann flüstert die Hoffnung: Und was ist, wenn doch? Was ist, wenn dieses eine Mal alles anders ist?

Und das finde ich ehrlich gesagt wahnsinnig kraftvoll! Diesen beiden Sätze machen sehr deutlich, wie sehr alles eine Sache der Perspektive, der Betrachtung ist. Glaubenssätze sind mächtig. Nicht umsonst werden positive Affirmationen so hochgelobt. Natürlich ist es, zumindest für mich, extrem beängstigend, dass ich mich NIE auf etwas verlassen kann. Egal, wie oft ich diese Strecke fahre, es kann immer ganz plötzlich ein Unfall geschehen oder eine Baustelle mit Umleitung, die ich meistern muss. Oder egal, wie oft ich Zug fahre, dieses eine Mal kann ich ganz plötzlich mehr Schwierigkeiten haben als sonst, die Fahrt auszuhalten, weil vielleicht andere Umstände eine Rolle spielen, die vorher besser gehändelt worden sind, wie Ernährung, Kleidung, Wärme, Menschen usw. Menschen in deinem Umfeld sind schließlich auch unberechenbar! Oder jeder, der schonmal häufiger Alkohol trinkt, dann trotzdem einmal den Alkohol nicht vertragen kann, obwohl man sonst vielleicht gut viel verträgt.

Jede Erfahrung ist wieder eine neue, die wir machen dürfen. Je nachdem, in welchem Licht wir sie betrachten, ist das hoffnungsvoll oder beängstigend.

Interessanterweise vertraue ich der Angst nicht, wenn es um z. B. positive Erfahrungen geht, aber ich vertraue dafür der Hoffnung auch nicht, wenn es um negative Erfahrungen geht.

Damit ist gemeint, egal, wie gut ich z. B. eine Autofahrt meistere, ich habe trotzdem vor jeder einzelnen Angst Panik, weil ich nicht darauf vertraue, dass mir die Erfahrung etwas wert ist, wenn ich mit einer unvorhergesehenen Situation konfrontiert werde. Gleichzeitig vertraue ich aber voll und ganz auf negative Erfahrungen, wenn es um persönliches, Männer oder das Schreiben geht. Nach dem Motto: ich habe so oft es nicht geschafft, dass Projekt zu beenden, bestimmt schaffe ich es auch diesmal wieder nicht. Ich wurde so oft von Männern belogen, im Grunde können Männer sowieso nur lügen. Oder ein noch schlimmerer Glaubenssatz aufgrund von persönlichen Erfahrungen: Männer verlassen einen immer.

Wie Peyton Saywer jetzt sagen würde: „People always leave“.

Aber genau aus diesen Gründen ist es falsch anzunehmen, dass es immer funktioniert, auf seine vorherigen Erfahrungen zu vertrauen. Natürlich geben sie uns eine gewisse Grundsicherheit, einen reichen Schatz an Reaktionen, die wir bereits getätigt haben, an Handlungen, die wir bereits umgesetzt haben, aber letzten Endes sollte jede Erfahrung möglichst neutral neu bewertet werden. Denn ansonsten bilden sich Vorurteile und manifestieren sich negative Glaubenssätze, die die Situation von vornherein bewerten und meistens negativer werden. Natürlich kann man das auch umkehren, kann sagen, es ist wichtig, auf das zu vertrauen, was man bereits durchgestanden hat, denn das war der beste Beweis, dann man etwas schaffen kann, je häufiger man etwas macht, desto mehr Sicherheit gibt einen das. Desto größer wird das Vertrauen in sein eigenes Können. Aber das ändert nichts an der Tatsache, das es für mich sehr schwierig ist, auf vergangene Erfahrungen zu vertrauen, weil ich sie nie richtig glauben kann.

Ich kann daran glauben, dass ich schon Situation XY gemeistert habe, und deswegen die kommende auch meistern werde, aber ich kann nicht daran glauben, dass nur weil Situation XY gut verlief, die nächste Situation auch gut verlaufen wird. Das ist eine Sicherheit, die es nie geben kann.

Wie seht ihr das? Findet ihr es gut, auf vergangene Erfahrungen zu vertrauen und anhand dessen zukünftige oder gegenwärtige zu beurteilen? Oder seht ihr da mehr die Stolpersteine? Wie geht ihr damit um? Verratet es mir gerne in den Kommentaren 🙂

Eure Nadine

Verfasst von

Fotografin, Autorin, Coverdesignerin, 27 Jahre.

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